Die ersten Kaffee-Exporteurinnen von Honduras

Interview Das große Geld lässt sich im Kaffeegeschäft nicht mit dem Anbau, sondern mit allen nachgelagerten Schritten der Wertschöpfung verdienen. Eine von der Gepa unterstützte Frauen-Kooperative hat jetzt den Schritt in die Weiterverarbeitung gewagt. Über die Sorgen und Erfolge dieser starken Frauen aus Honduras und über die Auswirkungen des aktuellen Kaffee-Tiefpreises an der Börse erzählt Kaffee-Experte Cruz-García.

Von Joshena Diesenbacher

Wir wissen: Auf den Kaffee kommt`s an. Er hilft uns, in den Tag zu starten, zu entspannen, gerne schlürfen ihn beim gemütlichen Sit-in mit Freunden. Ja, Kaffee verbindet – aber nicht nur mit unseren Freunden, sondern auch mit den Menschen am anderen Ende der Welt, die die Kaffeepflanze für uns pflegen, wässern und die Bohnen ernten. Für sie ist es eine enorme Bedrohung und Belastung, dass der Börsen-Kaffeepreis im Herbst 2018 auf dem niedrigsten Niveau seit 12 Jahren angelangt ist. Was wir unbedingt über unsere tägliche dampfende Tasse Muntermacher und die Menschen, mit denen sie uns verbindet, wissen sollten, erzählt der Peruaner Kleber Cruz-Garcia. Der Gepa-Kaffee-Experte  kennt den Kaffeemarkt seit 19 Jahren. Nun setzt er sich für die Gepa für eine neue Kaffee-Handelsstruktur ein: die Wertschöpfung im Ursprungsland.

 

Herr Cruz, was bedeutet der aktuell extrem niedrige Rohkaffeepreis für die Kaffeebauern?

Er ist absolut existenzbedrohend gerade für Bauern und kleine Kooperativen, die nicht genügend oder keine Marktmacht und Synergieeffekte haben. Von Kaffeeanbau kann man heute zu Tage nicht leben, geschweige in die Zukunft zu blicken. Viele Bauern verlassen ihre Parzelle, verlagern sich auf den Kokaanbau oder beschäftigen sich als Tagelöhner. Für die Jugend bedeutet der Kaffeeanbau keine Perspektive, sie wandern lieber aus. Viele arbeiten für absolute Hungerlöhne, müssen ihren Anbau aufgeben. Dadurch werden nicht nur vor Ort die Kaffeepflanzen vernachlässigt und Biographien junger Kaffeebauern und -bäuerinnen zerstört, sondern auch größere strukturelle Probleme befeuert – wie zum Beispiel dem Kokaanbau.

 

…und dann noch der Klimawandel…

 ja eben, wir erwarten durch den Klimawandel mehr Stürme, weniger Regen, vor allem aber steigende Temperaturen. Laut der britischen Zeitung Guardian könnte bis 2050 die Hälfte der weltweit geeigneten Kaffeeanbauflächen ausfallen.  Der Bio-Anbau ist eine Möglichkeit, die Folgen des Klimawandels aufzufangen, deswegen unterstützen  wir Genossenschaften bei der Umstellung von konventionell auf Bio Anbau, aber wenn die Preise so niedrig sind, wird es problematisch.

 

Gibt es Akteure auf dem Kaffeemarkt, die mit der aktuellen Situation zurechtkommen oder gar noch profitieren?

 Die großen Kaffee-Betriebe zum Beispiel in Brasilien können  bei diesen niedrigen Preisen noch kostendeckend arbeiten, dort übernehmen Maschinen die Ernte, die brauchen keine Löhne, keine Medikamente, keine Sozialversicherung und sie streiken nicht. Sie haben eine hohe Produktivität auf Kosten von Menschen, Arbeitsplätzen und der Umwelt, da sie in der Regel nicht ökologisch arbeiten. Die Brasilianer kommen mit der Situation noch klar.

 

Kleber Cruz-García arbeitet seit vielen Jahren im Fair-Trade-Kaffeemarkt. Bild: Gepa

Wie sieht es mit den Konsumentenländern, mit Deutschland aus?

Die größten Röster und Händler profitieren von dieser Preislage, und wir als Teil des globalen Nordens profitieren nicht nur aktuell, sondern schon immer vom Ungleichgewicht im Kaffeehandel, vom Druck auf die Kaffeebauern. Das große Geld lässt sich im Kaffeegeschäft nicht mit dem Anbau, sondern mit allen nachgelagerten Schritten der Wertschöpfung verdienen, mit der Röstung, der Verpackung, dem Handel. Der Mehrwert in der Produktionskette bleibt unter anderem in Deutschland bei den großen Röstereien, Großhändlern und dem Einzelhandel. Und zuletzt verdient der Staat noch rund eine Milliarde Euro durch die Kaffeesteuer.

 

Am fairsten wäre es also, wenn die Konsumentenländer bereits verarbeiteten Kaffee kaufen?

Ja, wir wollen zeigen, wie eine gerechtere Verteilung von Wertschöpfung aussehen kann. Bei „Röstkaffee aus dem Ursprung“ bleibt im Vergleich zu konventionellem Kaffee dreimal so viel Geld im Ursprungsland. Leider ist diese Form auf dem Weltmarkt immer noch eine Ausnahme. Deshalb  haben wir zwei Projekte gestartet, eines in Guatemala und eines in Honduras mit der APROLMA (Abk., übersetzt: Vereinigung freier Produzentinnen aus Marcala). Die Frauen von APROLMA haben sich vor einigen Jahren zur Kooperative zusammengeschlossen und verkaufen Rohkaffee an die Gepa. Jetzt verkaufen sie uns nicht mehr nur Rohkaffee, sondern auch ladenfertigen Kaffee! Von der Ernte bis zu den fertig gerösteten und in Tüten verpackten Kaffeebohnen liegt alles in den Händen der Frauen. Sie haben sich die kompletten weiteren Schritte der Produktionskette angeeignet, also rösten, verpacken, bekleben. So wurden die Bäuerinnen eigenständige Produzentinnen und die ersten Kaffee-Exporteurinnen von Honduras.

 

…ist das ein Beitrag der Gepa zur Stärkung der Rechte der Frauen?

Absolut. Frauen sind in Honduras bis heute in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht benachteiligt. Sie leisten einen beträchtlichen Teil der Arbeit, aber das wird oft nicht anerkannt und bleibt unbezahlt, sodass sie von Armut häufiger betroffen sind als Männer. Viele Honduranerinnen sind Opfer von Gewalt und Fast jede Honduranerin muss mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen. In der Landwirtschaft ist der Besitz der Anbauflächen meist in männlicher Hand. Wir finden es deshalb absolut wichtig, mit dem Projekt die Frauenkooperative weiter zu stärken und die einzelnen Frauen zu ermächtigen und befähigen, ihre Rechte einzufordern.

 

Wie ging es den Frauen in diesem Prozess?

Ganz unterschiedlich, immerhin sind  69 Frauen Mitglieder von APROLMA. Mehrheitlich war es am Anfang nicht leicht für sie, es kostete teilweise viel Überwindung und Mut, denn sie wagten ja wirklich für dortige Verhältnisse etwas ganz neues! Man muss sich das vor Augen führen, sie sind die ersten Frauenkooperative, die Röstkaffee nach Deutschland  exportieren. Außerdem mussten sie als weibliche Produzenten natürlich viele Schwierigkeiten überwinden, das fängt schon damit an, ihre eigenen Männer zu überzeugen. Und die betrieblichen Strukturen und Fertigkeiten mussten erst neu aufgebaut werden. Alles, was in den industriellen Röstereien Maschinen machen, machen sie selbst. Sie mussten das Handwerk lernen, das Rösten, das Befüllen der Päckchen per Hand et cetera. Es dauerte auch, bis sie die perfekte Röstung gefunden haben. Mittlerweile läuft es für die Frauen und sie sind sehr stolz: Sie sind qualifiziert, können ihre Familien unterstützen und ihren Kindern eine Ausbildung ermöglichen. Ob sie weiter wachsen und für andere Kooperativen als Vorbild dienen können, hängt natürlich vom Konsumenten ab. Denn mehr Fairness kostet etwas mehr. Aber wie man sieht ist sie es wert.

 

Termin: Cruz-García live zuhören…

Save the date! Kleber Cruz-García kommt am Freitag, den 15. März 2019 nach Bobingen und spricht dort ausführlich über den Kaffeemarkt und seine Arbeit mit den Frauen-Kooperative. Mehr dazu siehe hier.

Mehr Infos zu Aprolma gibt es auf der Gepa-Seite. Aprolma selbst findet ihr auch auf Facebook.

erstellt am: 12.03.2019

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