Chronik: Die ersten 15 Jahre

In der Ausgabe Nr. 10 von „Tellerrand und Horizont“, die 1995 erschienen ist, war ein ausführlicher Rückblick auf die ersten 15 Jahre von Verein und Laden nachzulesen. Diesen Text stellen wir hier unverändert und ungekürzt ein. Ein Dokument der Zeit- und Vereinsgeschichte – viel Spaß beim Stöbern.

1980

Die Idee, einen Augsburger Dritte Welt-Laden zu gründen, surrt durch die Köpfe von einigen aktiven Menschen in der Regionalstelle für kirchliche Jugendarbeit. Seit fünf Jahren gibt’s die Gepa, die Waren aus der „Dritten“ Welt importiert, dabei fair handelt und Kontakt zu den Selbsthilfegruppen im Süden hält.

Zu Beginn des Jahres wird in der Sowjetunion Andrej Sacharow nach Gorkij verbannt, in der BRD wird das AKW Gundremmingen I nach einem Störfall stillgelegt und die Parteigründungsversammlung der Grünen scheitert erst mal.

Als sich die Gelegenheit bietet, einen Laden im Stadtzentrum, Steingasse 8 am Rathausplatz, mit 140 Quadratmetem zu je 5 DM zu mieten, kommt es am 30. April zur hochoffiziellen Vereinsgründung. In wenigen Tagen wird das Geschäft eingerichtet und am 17. Mai ist der Augsburger Dritte Welt-Laden eröffnet, zwar im Hinterhof gelegen, aber mitten in der Stadt. In einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung wird die Gründung einer 3.Welt-Laden GmbH beschlossen. Der Laden hat damit eine eigene Rechtsform. Die Gesellschafter der GmbH sind etliche Privatleute, die per Vertrag auf jede Gewinnentnahme verzichten. Der Verein ist ebenfalls Gesellschafter und nur er kann Ladengewinne zugewiesen bekommen. Der Verein wird als gemeinnützig anerkannt.

In Augsburg steigt im Juni die 450 Jahre-Confessio-Augustana-Feier. Im September wird in Polen die unabhängige Gewerkschaft „Solidarnosc“ gegründet. Der Irak greift den Iran an und der erste Golfkrieg beginnt.

Der Verein unterstützt die „Aktion Nicaragua“ mit einem symbolischen Solidaritätsverkauf von 100 Bleistiften. Die evangelische Landeskirche unterstützt den Verein mit einem einmaligen Zuschuß von 13.900 DM.

1981

Mit anderen Augsburger Initiativen wird vom 1. bis 5. April die allererste Augsburger Dritte Welt-Woche organisiert. Zitate aus dem Auswertungsprotokoll: „Podiumsdiskussion war unbefriedigend, da die (geladenen) Politiker eh nichts zur 3. Weltproblematik zu sagen hatten“. Und weiter: „Das ‚3. Weltessen‘ (1/3 der Teilnehmer bekam gut und reichlich zu essen und 2/3 der Teilnehmer gingen leer aus) ist als „Betroffenmachübung“ problematisch und unrealistisch (die Teilnehmer kommen satt zum 3.Weltessen)“.

Im Januar wird Ronald Reagan Präsident in den USA.

Das Mitarbeiterlnnentreffen (MAT) wird im Juli im Laden fest etabliert. Die Leute bereiten abwechselnd die Treffen vor, leiten sie und sorgen für ein verständliches Protokoll für die, die nicht mit von der Partie waren. Entscheidungen fallen im MAT durch allgemeine Zustimmung. Bei strittigen Sachen wird auch mal abgestimmt. Eine einfache Mehrheit langt. Es entscheiden immer die, die beim MAT anwesend sind. Sehr wichtige anstehende Entscheidungen sind fürs nächste Treffen anzukündigen. Die Mitarbeiterlnnentreffen finden vierzehntägig im Dritte Welt-Laden statt.

Es gibt einen Projektpartnerausschuß, der sich über neue Handelspartner, Produkte und Projekte informiert. Die Gruppe soll Kriterien für die Beurteilung von Projekten entwickeln. Ob es zu einem neuen Handelskontakt kommt, wird nach einer Diskussion im Mitarbeiterlnnentreffen entschieden.

Im August findet ein Augsburger Friedensgebet statt und zwar in Zusammenarbeit mit Matthias Schopf vom Arbeitskreis Frieden. Im August verkündet Reagan, daß die USA die „Neutronenbombe“ bauen und stationieren will. Eine Gruppe aus Landsberg schaut vorbei und informiert sich, wie mensch einen Dritte Welt-Laden gründet. Alle paar Wochen gibt’s mittwochs Kino Zeughaus: „Dritte Welt im Film“! Der Eintritt kostet 4 DM.

Der Augsburger Laden kauft seine Waren in Stuttgart/Fellbach ein. Da ist das nächste Gepa-Regionallager. Das Packerl Kaffee kostet im Sommer 5.50 DM. Zeitweise geht im Laden der Kaffee aus. Die Regale stehen wochenlang leer. Die Gepa hat grad keinen da. Auch beim Umweltschutzpapier gibt’s Lieferengpässe. Ab Herbst werden im 3.Welt-Laden erstmals Baumwollwebwaren von einer Frauengruppe aus dem Tschad verkauft. Der Kontakt läuft über die Organisation „Eirene“. Im Oktober veranstalten Laden und Verein die erste Autorenlesung mit Hans A. de Boer.

An 7. November eröffnet der Landsberger Dritte Welt-Laden.

Am 18. November spricht Erhard Epplet auf dem Augsburger Friedenssternmarsch. Die Herbstmitgliederversammlung beschließt ein Berufsbildungsprojekt in Kenia zu unterstützen. Ausgebildeten Schreinern wird als Starthilfe ins Handwerkerdasein eine Werkzeuggrundausstattung finanziert. Das Mitarbeiterlnnentreffen am 24.11. beschließt, denjenigen Aktionsgruppen, die Waren in Kommission mitnehmen und z.B. in Pfarrgemeinden weiterverkaufen, einen Brief zu schreiben, um „überfallartige Aktionen von Basargruppen bei uns einzudämmen“. Es werden u.a. ein Kaffeeseminar, ein Abend „mit zwei Indios“, Reise- und Projektberichte aus Nicaragua und zu El Salvador angeboten. Der Arbeitskreis „Südliches Afrika“ schafft fleißig.

An den langen Samstagen im Advent ist der Laden zwar geöffnet, aber zwischen 12 und 15 Uhr werden die Kunden zu Kaffee, Gesprächen, Ruhe und Kuchen eingeladen. Kaufen können’s nix. Wegen besserer Besinnung.

1982

Um die Jahreswende kommt es in Berlin und anderswo zu etlichen Hausbesetzungen. Zwecks zuverlässiger und partnerschaftlicher Reinigung der Ladenräume wird im Januar erstmals ein Putzplan entworfen. Der tägliche Ladenumsatz beträgt im Schnitt etwa 200 DM. Damit Kaffee regelmäßig im Laden zu haben ist, greift der Augsburger Laden der Gepa unter die Arme, bestellt und zahlt Kaffee im voraus für 2.000 DM je Monat. Die Gepa hat mittelschwere Probleme, ihr Kaffeegeschäft zu finanzieren. Am 2. Februar besetzt Argentinien die Falkland-Inseln. Die englische Premierministerin Thatcher befiehlt die Rückeroberung. Am 25.2.82 hält José A. Lutzenberger im Moritzsaal einen Vortrag: „Am Amázonas stirbt Europa.“

Freitags zwischen 18 und 19 Uhr schweigen Friedensaktive in einem Kreis beieinanderstehend vor „Mc Donalds“ am Königsplatz. Die Baumwollwebwaren aus dem Tschad sind nicht lieferbar.

Große Demo in München gegen die aggressive El Salvador-Politik der USA. Die Laden- und Vereinsleute schreiben an den Augsburger US-Oberbefehlshaber, bitten ihn um eine Stellungnahme und fordern ihn auf, das seine zu tun, um eine Invasion und Blutvergießen zu verhindern. Kommt aber keine Antwort.

Die Bundestagsabgeordneten werden per Brief aufgefordert: „… keine weitere Stützung der die Völker ausbeutenden und terrorisierenden Regime in Honduras, Guatemala und EI Salvador“! Mahnwachen werden geplant. Der diesjährige Ostermarsch führt im April nach Landsberg.

Die „Projektgruppe“ im Laden hat zwei Dutzend Infozettel zu Produkten und Projekten geschrieben und gedruckt. Von der Gepa gab’s kein entsprechendes Infomaterial. Ab April passen die Pförtner im Bischofspalais auf die Laden-Schlüssel auf. Im Mai können erstmals Schallplatten im 3.Welt-Laden – auf Kassetten überspielt – von KundInnen angehört werden. Die 3.Welt-Woche läuft im Frühjahr, wie gewohnt.

Im Mai eröffnet in Dilingen ein Dritte Welt-Laden mit Anbindung an den Augsburger. Die Vereinskontakte nach Kenia werden ausgebaut.

Im Juni endet der Falklandkrieg.

In Augsburg wird eine Südafrika-Boykott-Woche vom „AK Südliches Afrika“ organisiert. Im 3.Welt-Laden wird im Oktober eine Leihbücherei eröffnet. Außerdem wird Getreide von „Bundschuh-Bauem aus Baden-Württemberg angeboten. Damit werden die Bauern in ihrem Protest gegen eine geplante Teststrecke der Daimler Benz AG in Boxberg unterstützt. Der Laden wird Verkaufsstelle für „Publik-Forum“, ein Presseorgan der ökumenischen Kirchenbasis.

Im Juni wird auf einem Regionaltreffen von Dritte Welt-Gruppen in Augsburg geplant, ein bayerisches Gepa-Regionallager in Form einer Genossenschaft zu gründen.

Mitte September kommt es zu den Massakern in den West-Beiruter Palästinenserlagern „Sabra“ und “ Chatila“. Am 1.10. wird Dr. Helmut Kohl der Kanzler. Ab Oktober gibt‘s schwere Auseinandersetzungen und Großdemos an der Startbahn West. Am 10.10. demonstrieren 300.000 Friedensaktive in Bonn gegen den sog. Nato-Doppelbeschluß.

Zwei Wochenendseminare für Aktive finden statt. Die Nicht-Verkaufsaktion für Kunden, die an den langen Samstagen im Advent den Laden besuchen, wird wiederholt. Seit 1.12.82 gilt im 3.Welt-Laden ein allgemeines Rauchverbot.

Im Dezember werden die vorletzten Pullover und Strickwaren aus Equador verkauft. Die Ware stammt aus einer Kooperative, der geraten wurde, synthetische Fasern zu Textilien mit traditionellen Mustern Zu verarbeiten, denn in Europa wär‘ Plastik in. Also produzierten sie Plastikponchos, schickten einen Vertreter ihrer Gruppe auf eine Handwerksmesse nach Deutschland, der einen Haufen Schulden neben seinem Haufen unverkäuflicher Textilien anhäufte. Der Augsburger Laden nahm einen Teil der Plastik-Textilien ab, um der Kooperative das Schlimmste zu ersparen.

1983

Der Ladenumsatz ging 1982 im Vergleich zu 1981 leicht zurück: von 153.000 DM auf 147.000 DM. Der Laden beginnt im Januar als Samnmelstelle Aluminiumabfälle anzunehmen und deswegen stinkts gelegentlich im Laden recht übel aus alten Katzenfutterdosen.

Ein Wochenendseminar in Oberwittelsbach hat die „Ungerechte Weltwirtschaft“ zum Thema. Etliche Produkte, die der Laden direkt importiert, bleiben in der Zollbürokratie hängen. Wir wollen zukünftig anfragende Produzenten an die Gepa verweisen.

Der Dollarpreis fällt. Ab 1. Februar sinkt der Kaffepreis von 6.20 DM auf 6.00 DM pro 250 Gramm. Ab Juni will die Gepa nur noch Nicaragua-Kaffee und eine Nicaragua-Guatemala-Kaffeemischung anbieten.

Der Film AK besteht nur noch aus einem Menschen. Besucherzahlen gehen drastisch zurück. Eine „Nestlé-Boykott-Gruppe“ bildet sich. Es wird gegen miese Marketingkampagnen des Konzerns protestiert. Nestlé gefährdet Leben und Gesundheit von Kleinkindern in der Dritten Welt. Gratis-Babynahrungsproben der Fima werden im Laden gesammelt und an Nestlé zurückgegeben.

Ladenleute arbeiten beim „Volkszählungsboykott“mit. Der Ostermarsch führt zu „Pershing 2“-Stellungen nach Neu-Ulm. Kasernen werden blockiert und „umarmt“, also von Demo-Teilnehmerm umringt. Im Mai veröffentlicht die Zeitschrift „Stern“ die „Hitlertagebücher“. Im Juli findet eine „3.Welt-Woche“ an der Augsburger Universität statt. Und Franz Josef Strauß vermittelt Münchner Banken ein Milliardenkredit-Geschäft mit der DDR.

Ab 1. August hat eine Firma namens „Infraplan“ das Haus in der Steingasse 8 gekauft. Was wollen die?

Im September wird auf den Philippinen der Oppositionspolitiker Benigno Aquino ermordet. Massenproteste gegen das Regime von Fernando Marcos sind die Folge. Die USA besetzten im Oktober Grenada.

Die Woche vom 15. bis 22.10.83 wird zur Widerstandswoche gegen die geplante Nato-Nachrüstung erklärt. Am 18.10. veranstalten die Laden- und Vereinsleute ein „Die-In“. Etwa 50 Leute legen sich „wie tot“ an verschiedenen Plätzen der Stadt auf das saukalte Pflaster.

Etwa 1,3 Millionen Menschen nehmen in Deutschland an der Aktionswoche der Friedensbewegung teil. Eine Menschenkette wird zu Demozweckken von Augsburg über Ulm nach Stuttgart gebildet. Die Ladenleute stehen bei Dornstetten, 10 km vor Ulm.

Der Preis für ein Päckchen Kaffee steigt auf 6.25 DM. „Infraplan“ hat dem 3.Welt Laden zum 31.3.84 gekündigt. Wir müssen einen neuen Laden finden.
Im November wird uns ein Ladengeschäft neben der „Forelle“ angeboten. Dieser Laden ist für uns allein zu groß und zu teuer. Wir finden keinen Mitmieter. Am 5.11.83 protestieren AugsburgerInnen gegen die US-Intervention auf Grenada. Später folgen ein Fackelzug und Mahnwachen. Am 22.11. sorgt ein Beschluß des Bundestags für Pershingraketen in der BRD. Entwicklungspolitische Infoangebote werden zum Beispiel zu Nicaragua, Nestlé, Chile, Honduras, Theologie der Befreiung, Ursachen des Hungers, Waffenexporte, Bundschuh-Protesten und Südliches Afrika gemacht. Die Babynahrungskampagne betrifft inzwischen Nestlé und Milupa. In der Mitgliederversammlung des Vereins werden die Politik der Weltbank, die Lage in Lateinamerika und ein einfacherer Lebensstil für alle diskutiert. Freie Ladengeschäfte in der Frauentorstraße und Jakoberstraße werden nicht an uns vermietet. Im Dezember wird die inzwischen übliche Lange-Samstag-Nicht-Verkauf-Aktion geboten.

1984

Im Januar gelingt der zweite Versuch, in Bayem ein Gepa-Regionallager als eigenständige Genossenschaft zu gründen, die „Bayerische Dritte WeltHandels e.G.“. Die Augsburger führen eine Auseinandersetzung mit einer Importorganisation aus München, der Firma „Hilfe durch Handel“. Diese erfüllt nicht unsere Vorstellung von alternativem Handel.

Im Frühjahr wütet eine Hungersnot in Athiopien. Die Dritte Welt-Woche ist gute Tradition geworden. Im Juli beteiligt sich der Laden am „Katholikentag von unten“ in München. Das Laden und Vereinswochenendseminar hat das Thema „Kultur und Emanzipation in der 3.Welt“. Für Nicaragua wird in Augsburg in Containern Material gesammelt und verschickt. Im Hunoldsgraben können wir uns einen 130 qm Laden nicht leisten. Am Theodor-Heuß-Platz mag uns ein Vermieter nicht. Das gleiche in der Katharinengasse, am Kitzenmarkt, in der Kapuzinergasse, bei HI. Kreuz. Im Mai wird uns ein Ladenlokal in der Pfladergasse angeboten. Im 3. Welt-Laden gibt’s zeitweise keinen Kaffee. Lieferprobleme der Gepa. Im Laden surren Motten und Weihrauch soll sie vertreiben. In einem Regaleck wird ein Plastik-Schal aus Equador gefunden.

Im Mai wird beschlossen, sich genauer über die Impoganisation „El Puente“ zu erkundigen, bevor deren Waren eingekauft werden. Unsere Mitgliedschaft bei der AG3WL soll für ein Jahr ruhen. Der südafrikanische Bischof Desmond Tutu wird Friedensnobelpreisträger.

Wir kriegen den sehr sehr kleinen Laden in der Pfladergasse. Weil dieser aber nicht rechtzeitig fertig renoviert ist, Zieht der 3.Welt-Laden im August vorübergehend in die Weiße Gasse 5. Etliche Kunden finden uns nach dem Doppelumzug nimmner.

Der Laden startet teure Werbeaktivitäten. Der Laden kauft seine erste Kaffeemühle. Am 6. Oktober eröffnet das Gepa-Regionallager in Amperpettenbach.

Anfang Dezember explodiert die Chemiefabrik von „Union Carbide“ im indischen Bhopal.

„Dritte Welt im Film“ läuft weiter und Infoveranstaltungen gibt’s z.B. zu Weltwirtschaft, „Lernfeld Drite Welt-Laden“, „Dipshika Shanti in Bangladesh“, Nicaragua sowieso, „Sinn und Unsinn von Entwicklungsprojekten“ mit Dr. Bemd Wagner und zum Boykott von „Früchten der Apartheid“ in Südafrika. An den Weihnachtssamstagen wird normal verkauft.

1985

Große Hilfsorganisationen rufen in der BRD einen „Tag für Afrika“ aus. Themen der 3.Welt-Woche sind die Situation in Athiopien, Theologie der Befreiung und deutsche Entwicklungspolitik. Der AK Südafrika organisiert Aktionen zur einschlägigen Geschäftspolitik von Deutsche Bank, CommerzBank und Dresdner Bank. In einer Großdiskothek rockt Augsburg für Äthiopien“. Wir dürfen da ganz kurz mal was zu den Ursachen der dortigen Hungerkatastrophe sagen. Augsburger Jusos kurbeln eine Städtepartnerschaft zwischen Augsburg und Condega in Nicaragua an. Ein Augsburger Immobilienheini bietet Indianerland in Paraguay ganz günstig zum Kauf an.

Beim Bäcker Kienle wird im März einen Tag lang stockvoll Soja gekocht und gegessen. Das Dritte Welt-Archiv wird nach Schlagwörtem ganz neu sortiert. Im April wird ein erster Anlauf zu einem Ladenaushängeschild in der Pfladergasse unternommen. Ein Architekt nimmt’s in die Hand. Weitere Anläufe werden folgen. Im Juli wird der 5. Geburtstag von Partnerschaft Dritte Welt und Dritte Welt-Laden GmbH gefeiert. Gorbatschow wird Parteischef der KPDSU. Popstars spielen in London mit einem weltweit ausgestrahlten Konzert für Afrika. Französische Geheimdienstler versenken das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“.

Mit einer „Giroblau-Aktion“, also mit sehr phantasievollen und merkwürdigen Methoden, seine Stromrechnung zu zahlen, sollen die Stromkonzerme und LEW in Augsburg für eine sanftere und nichtnukleare Energiepolitik begeistert werden. Der Laden und der Verein beteiligen sich an Protesten gegen eine bayerische Wiederaufbereitungsanlage für Nuklearmüll, die WAA.

Das Haus St. Ulrich lehnt ab, Kaffee aus fairem Handel auszuschenken. Im November werden zwei Plakatwände am Augsburger Hauptbahnhof zum Thema „Soziale Kosten der Überrüstung“ beklebt. Wir diskutieren mit hiesigen Junge Union-Vertreten über die „Situation von Asylanten in Augsburg“. Im Oktober wird ein Verein zur Förderung einer Städtepartnerschaft zwischen Augsburg und Condega/Nicaragua gegründet. Der Präsident Ortega verhängt in Nicaragua Notstandsgesetze.

An Freitagen beginnt sich eine Frauengruppe im Laden zu treffen, um sich um entwicklungspolitische Frauen-Fragen zu kümmern. Wir halten ein Rhetorikseminar für Interessierte. Es wird im November geplant, eine Plakatwand vor dem sündteuren neuen Priesterseminar in Augsburg zu mieten. Da soll draufstehen:“Christ und Welt (Lektion I). Ein Priesterseminar kostet 60 Millionen. Mit diesem Geld könnte man in der 3.Welt…“ Die Plakatwand kriegen wir leider nicht zu mieten. Themen für unsere entwicklungspolitischen Veranstaltungen waren u.a. Futtermittelimporte, Waffenexporte, Südafrika, Bangladesch und die Ursachen von Unterentwicklung. Der Verein tritt dem Evangelischen Bildungswerk bei. Er informiert sich über Möglichkeiten medizinischer Hilfe für die Opfer der Giftgaskatastrophe im indischen Bhopal. Technische Schwierigkeiten verhindern das Hilfsprojekt.

1986

Das Dritte Welt-Archiv wird erweitert. Neue Zeitschriften werden abonniert und katalogisiert. Asylbewerber aus Ghana treten erstmals in Augsburg als Sängergruppe auf. Im Februar wird die Mitarbeiterlnnentreffen-Kiste, ein interner Sammelbriefkasten, erfunden. Die Junge Union lädt (Sauerei!) den südafrikanischen Generalkonsul ein und uns dazu. Haitis Diktator Duvalier verläßt das Land. Mitte April bombardieren die USA das libysche Tripolis und am 26. des Monats zerreißt’s das AKW in Tschernobyl. Die Aktiven beteiligen sich an neuen Protestaktionen gegen die Nuklearanlagen in Wackersdorf.

Es fehlt arg an LadendienstlerInnen. Nach verschiedenen Anläufen finden sich wieder etliche „Neue“. Das Unternehmen „3.Welt-Woche“ heißt diesmal „Dritte Welt-Tage“ und feiert den 25. Geburtstag von amnesty international.

Eine Bananenkampagne läuft an und faire Bananenpreise werden Thema. Die Plattenecke mit Weltmusik soll erst ersatzlos gestrichen werden, kommt aber nochmal davon. Der Bücherumsatz schrumpft stark. Ladenpremiere für den ersten Bio-Kaffee aus Mexiko. Der Kaffeepackerlpreis fällt im Sommer um 1 Mark. Das Ladengeschäft soll von hint‘ bis vorn umgebaut und aufgemöbelt werden. Im April wird daran gedacht, eine hauptamtliche Arbeitskraft nur für Bildungsangelegenheiten und per ABM-Maßnahme zu beschäftigen. Im Juli wird ein Antrag gestellt, eine Arbeitsplatzbeschreibung geschrieben und wir suchen Spenderlnnen, die Bildungsarbeit finanzieren helfen. Der AK-Weltwirtschaft kümmert sich um gleichnamige Themen und gibt einen Kurs für „Einsteigerlnnen“ an der Volkshochschule. Der „AK Nestlé-Boykott“ wandelt sich um in einen Arbeitskreis von „terre des hommes“ und kümmert sich um Kinderrechte.

Der Papst kommt nach Augsburg und soll von uns per Plakatständer vor dem Priesterseminar auf seine verheerende Politik in Bezug auf Befreiungstheologen angesprochen werden. Das aber verbieten uns Stadt und Verwaltungsgericht wegen „Sicherheitsbedenken“. Der Papstbesuch geht in hiesigen Regenfluten baden.

US-Präsident Reagan gesteht in der Iran/ContraAffaire illegale Waffenverkäufe an den Iran. Mit den Gewinnen wurden die Contras in Nicaragua finanziert.

Im Dezember kommt die Idee eines „Augsburger Flüchtlingscups“ auf. Asylbewerber und Eingeborene sollen gemeinsam ein Fußballturnier veranstalten. Infoangebote gab’s zu den Themen Asyl in Deutschland, Südafrika, Peru, Nicaragua, El Salvador, Bolivien, Philippinen, Frauen, zu staatlicher Entwicklungspolitik und eine Ausstellung zu Rüstungsexporten. Der Verein unterstützt finanziell den Innenausbau eines Krankenwagens für die Stadt Condega in Nicaragua.

1987

Im Laden werden bei der Inventur über 600 verschiedene Artikel aus fairem Handel gezählt. Die Aktionsgruppen fühlen sich schlecht beliefert und fordern von den Ladenleuten eine bessere Organisation.

Matthias Schopf beginnt am 1. Februar seine Arbeit als Bildungsreferent beim Verein. Erstmals gehen Bußgeldzuweisungen von Augsburger Gerichten ein. Die Finanzierung der Hauptamtlichenarbeit wird zum Dauerthema in den Vereinsversammlungen.

Am 17. Februar beschwert sich der Iran über eine satirische Sendung im deutschen Fernsehen. Auf einer Fotomontage werfen begeisterte Iranerinnen körbeweise Dessous Khomeini vor die Füße. Deutsche Botschaftsangehörige werden zur Strafe des Landes verwiesen. Das GoetheInstitut in Teheran muß schließen.

Ein „Eine Welt-Mobil“ wird in einem VW-Bus eingerichtet. Getragen und finanziert von den katholischen Jugendverbänden werden fortan mit dem Bus Aktionsmaterialien, Spiele und Infomaterial unter’s Volk gebracht, soweit die Diözese reicht.

Auf einem Wochenendseminar in Kienberg findet ein interkulturelles Wochenende mit Ladenleuten und einigen Bangladeschis statt. Der Verein Partnerschaft Dritte Welt finanziert Sprachkurse für Flüchtlinge in Augsburg. Mit Asylbewerbern, die in der Hindenburgkaserne untergebracht sind, wird ein Spielenachmittag vereinbart. Erste Initiativen für eine menschlichere Unterbringung von Flüchtlingen in Augsburg starten. Kontakte zum AK Asyl werden aufgebaut.

Am 11.5. gewinnt Frau Aquino die philippinischen Präsidentenwahl.

Auch im Mai wird das Laden-ABC erfunden, eine kurze Einführung in die Aufgaben und den technischen Ablauf beim Ladendienst. Ein „Entwicklungspolitischer Sommer, also die aktuelle 3.Welt-Woche, geht über die Bühne. Die Öffentlichkeitsarbeit von Verein und Laden wird unter die Lupe genommen und verbessert.

Der Augsburger Stadtrat unterstützt die inoffizielle Partnestadt Condega in Nicaragua mit einer Spende von 20.000 DM. Eine Wanderausstellung zum Thema „Flucht und Asyl“ wird vom Verein gemeinsam mit der Caritas-Flüchtlingsberatungsstelle erarbeitet. Die Leihbibliothek wird kräftig ausgemistet und aufgestockt.

Der Ladenumsatz bricht plötzlich, ein. Ab Juni droht das Unternehmen unter die Rentabilitätsgrenze zu rutschen. Der 3. Welt-Laden war desöfteren wegen Mitarbeiterlnnenmangels geschlossen. Das verzeiht die Kundschaft nie! Die Präsentation der Waren in den Regalen läßt zu wünschen übrig.

Um weitere Ursachen zu erkennen, wird erstmals eine Kundenbefragung veranstaltet. Ein Auswertungs- und Planungswochenende wird zu diesem Thema angesetzt. Sollen wir ein besseres Ladenlokal suchen?

Im September hört mensch von großen Friedensdemos in Ost-Berlin und Herr Barschel hat eine Affaire.

Infoveranstaltungen finden neben der Reihe „Dritte Welt im Film“ zu Themen statt, wie Apartheid in Südafrika, Asyl in der BRD, Fluchtursachen (mit Prof. Nuscheler), Tee, Bangladesch, Augsburg/Condega, Peru, Rüstungsexporte, Kaffee und eine Fastfood/Mc Donalds-Kampagnen-Beteiligung gibt’s auch.

1988

Die 3.Welt-Woche hat das Thema „Banken, Verschuldung, Weltischaft“. Im Mai ziehen die sowjetischen Besatzungstruppen ans Afghanistan ab.

Die Kundenumfrage hat etliches ergeben. Unter anderem kommt es seht schlecht an, daß der Laden am Montag geschlossen ist. Montags wird zukünftig offen sein. Der Laden wirkt noch immer „gruschtelig“ und zu klein. Er wird weiter umgebaut. Ein Ladenschild fehlt immer noch. Das Mitarbeiterlnnentreffen ist gelegentlich unattraktiv und streßig. Etliche wichtige Entscheidungen werden von einigen Ladenobermackerlnnen zwischen Tür und Angel getroffen. Zoff! Das soll sich ändern. Das Mitarbeiterlnnentreffen soll das wichtigste Entscheidungsgremium bleiben.

Einzelne Arbeitskreise werden sich künftig um Produktgruppen kümmem. Die Öffentlichkeitsarbeit wird professionalisiert. Die erste Selbstdatstellung des Vereins wird als ausführliches Flugblatt in großer Auflage herausgebracht. Eine kleine Gruppe von Ladenleuten, die „Aktionsgruppen-Gruppe“, findet sich als feste AnsprechpartnerInnen für Aktionsgruppen. Die Protokolle der Treffen werden immer länger. Eine Werbeaktion für Kaffeegroßverbraucher wird gestartet.

Der „TEAM-Versand“ wird nach Kriterien für seinen Handel und seine Produzentenkontakte hin angeschrieben und heftig kritisiert. Die Importfirma „El Puente“ fährt ab Mai den Augsburger Laden mit einem LKW als „Fahrendes Lager“ an. Ladenleute gucken nach größeren und besseren Läden in der Altstadt, z.B. im Ulrichsviertel/Spitalgasse. Eine MitarbeiterInnenbefragung wird gemacht. Der Ladenumsatz steigt kräftig.

Der Generalsekretär der bangladeschischen Oppositionspartei JSD, Hasanul Haque Inu, besucht uns in Augsburg. In Bayern wird ein Verein für entwicklungspolitische Bildungsarbeit gegründet (BEBAN). In den Niederlanden findet altermativ gehandelter Kaffee den Weg in Supermarktregale.

Am Maria-Theresia-Gymnasium wird der AK Dritte Welt gegründet. Der Verein knüpft enge Bande zum AK Asyl, der sich um die Lebenssituation von Flüchtlingen in Augsburg kümmert.

Die „Werbegruppe“ wird im September gegründet. Sie soll neue Werbematerialien für den alternativen Handel entwickeln und neue Aktive werben. Nach acht Jahren Krieg vereinbaren Irak und Iran einen Waffenstillstand.

Im Dezember wird überlegt, eine „450 DM-Stelle“ für eine alternative Kaffeevertreterstelle anzupeilen. Die Mitarbeiterlnnentreffen laufen sehr gut und sind prima besucht. Erste Verhandlungen mit der Stadt Augsburg: sie soll mit 10.000 DM die Bildungsstelle des Vereins mit finanzieren. Der Sozialreferent der Stadt, Sieghard Schramm, bringt unseren Zuschuß-Antrag nicht in die Beratungen ein. Wir gehen leer aus. Die CSU hätte für uns gestimmt und die CSM, eine Splittergruppe ehemaliger CSUler, auch. Infoveranstaltungen werden angeboten zu Kamerun, Bangladesch, Schuldenkrise (mit Wolfgang Kessi IWF, Rüstungsexporte, Südafrika, Kaffee, Tee, El Salvador, Eritrea und die Reihe „Dritte Welt im Film“ läuft weiter. Der Laden macht ungefähr 180.000 DM Umsatz.

1989

Für die Bildungsreferentenstelle gibt’s trotz diverser Anträge bislang keine Zuschüsse, weder von Kirchen, noch von sonst woher. Sorgenfalten. Richter beginnen mit Bußgeldzuweisungen an den Verein und neue Spendenbaustein-SpenderInnen können gefunden werden. Bei der Stadt wird ein neuer Antrag für einen Sachkostenzuschuß gestellt.

Im Februar ruft Khomeini zum Mord am Schriftsteller Salman Rushdi auf. Das ist gotteslästerlich. Nach 34 Jahren wird Paraguays Militärdiktator Stroessner gestürzt.

Erste Überlegungen gehen durch die Köpfe, einen Büroraum für den Verein und seinen Angestellten zu suchen. Große Raumnot. Martina Öfele macht als Theologiestudentin ein Jahres-Praktikum beim Laden.

Stax Masango, ein schwarzer südafrikanischer Stipendiat, erzählt über die Rolle der Gewerkschaften in Südafrika. Der 3.Welt-Laden kauft alle vier Wochen in der Regionalstelle ein. Zusätzlich gibt’s ein Lebensmittelabo in Form einer gepackten Palette direkt per Bahnspedition in den Laden geliefert. Im Februar kündigt Winni Stark nach 10 fleißigen Jahren als Ladengeschäftsführer seinen allmählichen Rückzug an. Wir suchen neue „ChefInnen“.

Achim Friedrich beginnt im März seine Arbeit als alternativer Kaffeevertreter. Ein ordentlicher Schwung ganz frischer Mitarbeiterlnnen fängt im Laden an. Im April schießen US-Kampfflugzeuge über dem Mittelmeer libysche Flugzeuge ab. Im chinesischen Peking kommt es auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu großen Demos für Freiheit und Demokratie.

Bei der Gepa tobt eine heftige Auseinandersetzung über das zukünftige Konzept eines alternativen Handels und über den Stellenwert von Bildungsarbeit.

Winfried Stark kauft im Mai und über Nacht eine Wohnung am Oberen Graben 39 und vermietet die etwa 60 qm als Büro an den Verein Partnerschaft Dritte Welt. Die Räume sind in einem lausigen Zustand und eine „Baubrigade“ macht sich ans Renovieren. Möbel von „gehobener Spermüllqualität“ werden gesucht. Der Ladenumsatz steigt bis zur Jahreshälfte um ein Fünftel. Der Verwaltungsaufwand steigt entsprechend.

Am 4.6. richtet die Chinesische Staatsführung ein Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens an. Am 6.6. beschließen Bundesregerung und Bayerische Staatsregierung den Verzicht auf die WAA in Wackersdorf.

Während es im September beim Ladendienst plötzlich Lücken reißt, sind die MitarbeiterInnen-Treffen sehr gut besucht. Im Oktober erhält der Dalai Lama den Friedensnobelpreis. Sieben abgelehnte Augsburger Asylbewerber aus Bangladesch fragen im September beim Verein und Laden nach Unterstützung. Sie fürchten eine Abschiebung und bitten um eine Duldung. Die Stadt Augsburg lehnt das im Oktober ab. Die ersten Bananen aus Nicaragua werden im Laden angeboten. Die ersten CDs mit Weltmusik stehen neben den Schallplatten im Regal. Die allererste Afrikanische Woche geht in Augsburg über die Bühne. Der IAF, ein Verein für die Interessensvertretung binationaler Partnerschaften, und der Fahrradfahrerclub ADFC ziehen ins Büro ein. Das senkt die Mietkosten. Die Asylbewerber aus Bangladesch wollen in ein Kirchenasyl und finden am 5. November Unterschlupf und Unterstützung in der Kuratie St.Johannes in Göggingen. Ein Tauziehen und ein Krimi beginnt, der bis heute (1995) nicht zu Ende ging.

Ebenfalls im November öffnet die DDR die Grenzübergänge in den Westen. Im Dezember stürzt der rumänische Diktator Ceaucescu und die USA intervenieren in Panama. Infoangebote gab’s neben der Filmarbeit und der 3.Welt Woche z.B. zu Alternativem Handel, Handelskriterien der Gepa, Interessen der BRD und Dritte Welt (mit Prof. Nuscheler), Nicaragua, deutsche Ausländergesetze, Mali, Asylrecht und El Salvador. Der Ladenumsatz beträgt etwa 213.000 DM. Der Verein kriegt erstmals einen Zuschuß von der Stadt Augsburg über 15.000 DM zur Deckung von Sachkosten der Bildungsarbeit.

1990

Im Januar bekommen dritte weltengagierte Gögginger Frauen ebenda einen Miniladen vor der evangelischen Dreifaltigkeitskirche angeboten: zwei mal acht Quadratmeter für 150 DM. Die Sache wird ganz schnell entschieden: Der 3.Welt-Laden macht in Göggingen eine Filiale auf und zwar am 31. März.

Noch im Februar werden die Sandinisten in Nicaragua abgewählt. Nelson Mandela kommt nach 28 Jahren Haft in Südafrika frei. Im März wird Namibia als letztes Land Afrikas unabhängig. Mitte des Monats stürzt die chilenische Militärdiktatur von Pinochet.

Ladenleute überlegen nach einem neuen Ladennamen. Das Schlagwort „Dritte Welt“ ist politisch und geschichtlich angegraut. Wir können uns aber nicht auf eine Alternative einigen. Es bleibt beim alten Namen.

Das Büro kriegt einen alten Fernseher und einen Videorecorder fast geschenkt. Eine Schreibmaschine, ein Computer, ein Drucker, ein Anrufbeantworter und ein kleiner Tischkopierer werden gekauft. Am 28. April wird das Büro eröffnet. Die diesjährige Dritte Welt-Woche hat das Thema: „Eine Welt für alle?“ Die Werbegruppe entwickelt mit der gepa ein Kaffeeplakat:“Wir trinken gern Kaffee. Aber nicht jeden!“. Monatlich werden dem Laden drei Paletten Lebensmittel per LKW geliefert. Der Umsatz steigt. Der 10. Laden und Vereinsgeburtstag wird im Juli gefeiert.

Die Irakische Armee marschiert in Kuweit ein. Das Kirchenasyl in Göggingen läuft noch immer. Staat und Stadt testen Kondition und Nervenkostüm der Bengalen und des UnterstützerInnenkreises. Der Innenminister Stoiber und sein Staatssekretär Beckstein wollen einen Erfolg des Kirchenasyls in jedem Fall verhindem. Lokale Verantwortliche tauchen ab. Einige Politikerlnnen der Grünen und der SPD unterstützen uns tatkräftig. Die CSU mauert und der Augsburger Bischof Stimpfle fällt um. Eine polizeiliche Räumung des Kirchenasyls steht kurz bevor, als sechs der sieben Bengalen am 27. August in ein weiteres Kirchenasyl nach Hildesheim fliehen. Der Verein gibt die Broschüre „Dulden statt Abschieben“ heraus, eine Dokumentation des ersten Augsburger Kirchenasyls.

Die DDR tritt der BRD bei. Macht also BRDDR. Gerhard Strehle macht beim Laden ein Praktikum als Betriebswirt. In Myanmar (Burma) wird Aung San Kyi Friedensnobelpreisträgerin. Die Zweite Afrikanische Woche steigt im November. Der AK Asyl startet mit vielen anderen eine Kampagne zur Schließung der staatlichen Sammelunterkunft für Asylbewerber im „Fabrikschloß“. Der AK Fabrikschloß entsteht. In Haiti wird im Dezember Jean Bertrand Aristide zum Präsidenten gewählt. Das Weihnachsgeschäft boomt im Augsburger Laden. Der Gesamtumsatz liegt bei 308.000 DM. Themen öffentlicher Infoarbeit waren u.a. Kolumbien, Kaffee, fairer Handel, Rüstungsexporte, Flucht und Asyl.

1991

Am 17. Januar beginnt die „Operation Wüstensturm“. Am 26.1. kommt es zu Großdemonstrationen gegen den Krieg. Deutschland beteiligt sich mit 17,6 Milliarden Mark an den Kosten des zweiten Golfkriegs.

Ende Januar hört der Matthias Schopf-Emrich als Bildungsreferent beim Verein auf. Thomas Körner-Wilsdorf fängt an. Eine Klapptafel wird über der Ladenkasse angebracht, damit’s die Ladendienstlerlnnen nimmer so weit zu den Preisen haben. Weil der Aktionsguppenumsätze kräftig steigen und die Anforderungen an die ehrenamtlichen Ladenleute auch, wird überlegt, eine hauptamtliche Arbeitskraft für diese Aufgabe einzustellen. Die 3. Welt-Woche dreht sich ums Thema „Europa und die Dritte Welt“.

Der Arbeitsanfall im Vereinsbüro macht die Einrichtung einer Honorarstelle für die Erledigung von allgemeinem Bürokram notwendig. Katja Baumann kümmert sich drum. Im April verabredet die Werbegruppe eine lockere, aber dauerhafte Zusammenarbeit mit der Werbeabteilung der gepa. Neben der Stadt Augsburg bezuschußt erstmals der Kirchliche Entwicklungsdienst der evang.luth. Kirche in Bayern die Arbeit des Vereins Partnerschaft Dritte Welt. Eine entwicklungspolitische Zeitung für Augsburg wird angedacht. Die Gepa bringt einen Versandkatolog heraus. Eritrea wird frei.

Am 27. Juni besucht H. P. Repnik, der Staatssekretär im „Entwicklungshilfe“Ministerium , das Büro des Vereins. Da gehts um die Asyl, die Entwicklungs- und die Menschenrechtspolitik der Regierung. Er hinterläßt eine halbe Breze.

Lili Friedrich betreut ab Juli hauptamtlich die Aktionsgruppen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit läßt einem Infobus durch die Republik und im August auch nach Augsburg fahren. Wir stellen neben dem Bus „Fragen an die staatliche Entwicklungspolitik“. Am Abend gibt’s eine gut besetzte und besuchte Diskussion zum Thema.

In Südafrika werden die wichtigsten Apartheidgesetze abgeschaft. Der Warschauer Pakt wird aufgelöst. Im August wird Gorbatschov bei einem Putsch gefangengesetzt. Massendemos. Der Putsch scheitert.

Auch dieses Jahr gibt’s einen Augsburger Flüchtlingscup. Im Herbst herrscht vorübergehend Mitarbeiterlnnenknappheit. Augsburger Kirchengemeinden nehmen etliche Asylbewerbet in ihren Gemeinderäumen auf, um ihnen das Leben im Fabrikschloß zu ersparen. In der Gögginger Kuratie wohnen z.B. Inder. Unsere Bengalen leben immer noch im Hildesheimer Kirchenasyl.

In Hoyerswerda greifen deutsche Rassisten ein Wohnheim an, in dem Ausländer untergebracht sind. Anwohner klatschen Beifall.

Im November finden einige Aktionen in Augsburg „Gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit“ statt. MarketingstudentInnen der örtlichen Fachhochschule untersuchen den Augsburger Dritte Welt-Laden. Der macht etwa 353.000 DM Umsatz.

Neben der Afrikanischen Woche gab’s Infoangebote zu den Kriegen am Golf, zu Asyl, Kaffee, Rüstungsexporten, El Salvador, Kurdistan und Rassismus.

Mit einer Auflage von 180.000 Stück wird vor Weihnachten die erste Ausgabe der „Zeitung für ein menschenwürdiges Asyl und ein ausländerfreundliches Augsburg“ stadtweit verteilt. Weil die Arbeit im Vereinsbüro immer mehr wird, überlegen wir eine zweite Referentlnnenstelle über eine ABM-Maßnahme einzurichten.

1992

Frau Knoop wird angestellt, um mit Winni Stark, zu dessen Ablösung, Maria Fröleke, Marcel Gounot, Evelyn Zuber, Gerhard Strehle und Marianne Schütz-Kleindienst eine neue Verwaltungsgruppe zu bilden.

Im Januar wird in Algerien gewählt. Der Präsident tritt zurück und der Bürgerkrieg dort verschärft sich.

Die Augsburger Uni will in den Mensen keinen fair gehandelten Kaffee anbieten. Pfand-Blecheimer werden für den Kaffeeverkauf im Laden eingeführt. Die entwicklungspolitische Zeitschrift für Augsburg wird entwickelt, eine Redaktionsgruppe findet sich und im Frühjahr kommt die Nummer 1 von „Tellerrand und Horizont“ heraus. Sie erscheint seither dreimal im Jahr mit einer Auflage von 600 Stück.

Die Vereinssatzung wird umfassend überarbeitet und geändert. Elf Augsburger Kirchengemeinden haben inzwischen Flüchtlinge aus dem Fabikschloß aufgenommen. Im März eröffnet das „Cafe Intemational“. Eine Gruppe Schülerlnnen trifft sich regelmäßig mit Augsburger Asylbewerbem.

Die EG erkennt die Unabhängigkeit von Bosnien-Herzegowina an. Damit eskaliert der Krieg.

Die Dritte Welt-Woche heißt jetzt „Entwicklungspolitische Tage“, beschäftigt sich mit amerikanischer Kolonialgeschichte und deren Folgen:“500 Jahre Eroberung Amerikas“. Im Mai kündigt Frau Knopp beim Laden. Daraufhin wird eine Honorarstelle für die Ladenverwatungsarbeit ausgeschrieben und mit Annegret Lueg besetzt. Auch im Mai wird der Verein „Tür an Tür miteinander wohnen und leben“ gegründet. Er plant die Errichtung eines Modellwohnprojekts, in dem Flüchtlinge und Asylbewerber zusammen leben. Im Juni stürzt der superteure „Jäger 90“ im Parlament ab.

Mitte Juli wird vom Verein Partnerschaft Dritte Welt eine Honorarstelle für Schularbeit mit Uschi Späth besetzt. Schülerlnnen am Maria Theresia Gymnasium bauen ein großes Modell der „Santa Maria“, um auf „500 Jahre Eroberung Amerikas“ aufmerksam zu machen. Das Schiff wird im Rathaus als Teil einer Ausstellung des Verkehrsvereins gezeigt. Kritische Kommentare und Bilder der Schulerlnnen sollen dort aber nicht ausgestellt werden. Ein Eklat und eine Flugblattaktion bei der Ausstellungseröffnung im Goldenen Saal sind die Folge. Der OB explodiert dort in Gegenwart diverser Fugger und Welsernachfahren.

Wir schreiben einen Wettbewerb zur Geschichte der Eroberung Amerikas aus und bieten „koloniale Stadtrundgänge“ durch Augsburg an, eine Kooperation mit der Geschichtswerkstatt. Der Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) kauft einen großen blauen Bus, das Nachfolgemodell und die Neuauflage des Eine Welt Mobils. Laden und Verein nutzen das Infomobil mit.

Im Sommer tagt der Wirtschaftsgipfel in München. Proteste begleiten die Konferenz. Es wird gut auf bayerisch zugelangt. Im Oktober zeigt der Verein in Zusammenarbeit mit dem AK Brasilien und dem Kirchlichen Entwicklungsdienst (KED) im Augsburger Rathaus die Ausstellung „O Brasil“. Der Ladenumsatz zieht deutlich an. Um die Ecke wird im Oktober ganz plötzlich ein schöner, großer Laden in der Weißen Gasse 3 frei. Wir greifen zu und ziehen um.

Am 12.10 bieten wir den Augsburgerlnnen eine Gedenkveranstaltung anläßlich des 500. Jahrestages des Beginns der Eroberung Amerikas. Wir bringen provisorisch am „Welserhaus“ eine Gedenktafel für die Opfer an und fordern von der Stadt eine dauerhafte selben Inhalts. Die Stadt bestellt erst mal Gutachten. Die Tafeln mit historischen Fehlern hängen bis heute. An die Opfer der Kolonisierung durch Augsburger Kaufmannsfamilien der Welser mag die Stadt nicht erinnern.

Anfang November protestieren die Fabrikschloß-Asylbewerber heftig gegen die Einführung von Essenspaketen durch die Regierung von Schwaben. Die Firma Kleindienst Datentechnik bestellt was. Und zwar Weihnachtspäckchen aus fairem Handel für alle ihre 412 Mitarbeiterlnnen.

Ende November weihen wir unseren neuen Laden in der Weißen Gasse 3 ein. Es fehlt ein Ladenschild. Die Leute denken wieder mal über einen neuen Ladennamen nach. Die Afrikanische Woche schließt sich an. Die Umsätze im Laden klettern auf 491.000 DM.

CDUCSUFDPSPD einigen sich auf den sogenannten Asylkompromiß. In Mölln verüben Rassisten einen Brandanschlag. In Deutschland leuchten Lichterketten gegen Ausländerfeindlichkeit.

1993

Am 11. Januar stellen die Mitarbeiterlnnen einen vorläufigen Rekord auf: 28 (!) Ladenleute treffen sich zum MAT. Die Grafikerin Bettina Müller-Arends entwickelt Werbeplakate für den Laden und die gepa. Im Dritte Welt-Laden wird nochmal eine Ladennamendiskussion angestoßen.

Eine Gruppe denkt an eine „Weltwirtschaft“, also ein multikultibunte Szenekneipe mit politischen Ambitionen und angenehmen Ambiente. Es wurde bislang aus Mangel an kompetentem Fachpersonal leider nix draus. Kommt aber noch, das Ding. Im März wird ein neues „Eine Welt-Mobil“ eingeweiht. Der Info-, Aktions und Materialbus ersetzt den altersschwachen Vorläufer.

Mitte März treten sieben kurdische Asylbewerber in einen Hungerstreik und protestieren gegen Abschiebungen in die Türkei.

Die Importeure“El Puente“ und „3.Welt Partner Ravensburg“ haben sich getrennt. Im April schickt der Bundestag Soldaten nach Somalia. Unter Polizeischutz schafft das Parlament am 26.5.93 wesentliche Teile des Asylrechts ab.

Der Verein „TransFair“ geht mit seinem Siegel für fairer gehandelten Kaffee auf den bundesdeutschen Kaffeemarkt. Die erste Kaffeeschütte für den Verkauf von losen Kaffeebohnen wird für den Laden bestellt, Infofahrten nach Bonn und Berlin. Die „Entwicklungspolitischen Tage“ haben „Fluchtursachen“ zum Thema. Im Mai verüben Jugendliche den Brandanschlag in Solingen.

Der AK Dritte Welt des Maria Theresia Gymnasiums geht mit einem „Aktionsspiel gegen Ausländerfeindlichkeit“ in die Augsburger Öffentlichkeit.

Der „3.Welt-Laden Augsburg“ tauft sich um in „Weltladen Augsburg – für gerechten Handel“. Christine Weiner löst im Mai die Ladenbuchhalterin Annegret Lueg ab. Und unser Ladengeschäftsführer der allerersten Stunde, der Winfried Stark, tritt nach 12 Jahren ab. Evelyn Zuber führt gemeinsam mit Marcel Gounot ab jetzt die Ladengeschäfte..

Eine zweite „Zeitung für ein menschenwürdiges Asyl und ein ausländerfreundliches Augsburg“ erscheint in Zusammenarbeit von „Partnerschaft Dritte Welt“ und „Tür an Tür“. In einer Auflage von 115.000 Exemplaren wird sie der Augsburger Allgemeinen Zeitung beigelegt. An der Aktion beteiligten sich etwa 45 Augsburger Initiativen und Institutionen.

Hans Klusch läßt sich im Juli nach langlangen Jahren als Vereinskassier abwählen. Barbara Holl übernimmt den Job.

Die Katja Baumann geht Ende August als Büroorganisatorin und Hedi Edinger folgt gleich nach. Und im September beginnt Renate Glas als zweite Aktionsgruppenbetreuerin. Im Oktober geht ein Ladenseminar zu den gepaKriterien für einen fairen Handel mit Gerd Nikoleit über die lokale Bühne. Und Marion Voskuhl beginnt ihr EinzelhändlerInnen-Praktikum im Laden.

Im Oktober wird beschlossen, Kunsthandwerk von tibetischen Flüchtlingen im Weltladen zu verkaufen. Novembers winkt die Afrikanische Woche mit Mamady Keita.

Bei Kleindienst Datentechnik gibt’s wieder faire Weihnachtspäckchen und neuerdings auch unseren Kaffee in der Kantine. Im Dezember wird eine neue, zweite Bildungsreferentlnnenstelle vom Verein mit der Brigitte Bollinger besetzt. Susanne Rösch arbeitet als Praktikantin beim Verein. Zu Weihnachten gibt’s eine neuen Kopierer fürs Büro.

Ladenumsätze steigen um 40 % auf knapp 700.000 DM. Die Zahl der Asylbewerber in Deutsch land sinkt um etwa zwei Drittel. Die Zahl der Abschiebungen vervierfacht sich.

1994

Die Annegret Lueg löst den Marcel Gounot als Geschäftsführer ab. Jetzt haben wir zwo Chefinnen.

Thomas Kömer-Wilsdorf geht februars in Erziehungsurlaub und Norbert Stamm beginnt seine Arbeit als Bildungsreferent des Vereins und Marion Voskuhl beendet ihr Ladenpraktikum. Mit der Nachwahl von Beate Wilsdorf in den Vereinsvorstand, „regiert“erstmals ein reiner Frauenvorstand. Die Jahre des Männerüberhangs auf Funktionārsposten sind endgültig vorbei.

Die Schulreferentin kündigt die totale Streichung des städtischen Sachkostenzuschusses für den Verein Partnerschaft Dritte Welt an. Der Verein hält erst mal u.a. mit selbstgetöpferten Ziegel-Spendenbausteinen dagegen. Das Schlimmste kann verhindert werden. Trotz dem trifft es den Verein unverhältnismäßig hart. Die Schulreferentin Frau Ohrnberger zahlt nur noch 10.000 DM.

Jacobs kündigt einen „Kleinbauermkaffee“ an, der gegen fair gehandelte Kaffees antreten soll. Die „Bayerische Dritte Welt-Handels e.G.“ steckt im März in ernsten Schwierigkeiten. Bayerische Weltläden geben eine Finanzspritze.

Kurdische Gruppen feiern am 19. März ihr Newroz-Neujahrsfest. Es kommt zu Autobahnblockaden und gewalttätigen Auseinandersetzungen in Augsburg. In der Folge werden viele kurdische Organisationen verboten und Demonstrationsteilnehmer abgeurteilt. Tandler zwickts. Er tritt zurück.

Ein „Stammtisch“ für Leute um Laden und Verein wird ins Leben gerufen. Der Augsburger Weltladen richtet eine großes Textilregal ein. Die gepa kündigt Überlegungen zur Abschaffung ihrer Regionalstellen an, um Ausgaben einzusparen.

Aus unerfindlichen Gründen liegen die Ladenumsätze im Frühjahr zum Teil deutlich unter den Vorjahreszahlen. Im April wählt Südafrika erstmals frei und allgemein. In Ruanda beginnt der Bürgerkrieg.

Ein großangelegtes Bildungsunternehmen wird geplant: das Projekt „Augsburg/Afrika“ will Beziehungen auf allen Ebenen durchleuchten. Der Verein richtet im Laden ein Infoeck für Spendenwerbezwecke ein. Eine KaffeetrinkenundfürBildungsarbeitspendenEcke soll dazukommen. Brigitte Bollinger wird in Erziehungsurlaub gehen. Wer schafft für sie beim Verein weiter?

Tür an Tür „beerdigt“ am 11. Juni sein Modellprojekt in Göggingen. Das Augsburger Wohnbüro wird kurz darauf stillgelegt. Tür an Tür will die Einrichtung für sozial Benachteiligte auf Wohnungsuche erhalten helfen. Auch im Juni veranstalten Augsburger Bangladeschis in Pfersee einen rauschenden bengalischen Abend. „Die Macht der Verbraucher“ ist das Thema der Entwicklungspolitischen Tage in Augsburg. Und Anfang Juli steigt die erste entwicklungspolitische Sommerfische auf dem Kienberg.

Juanna und Frederico Vasqucz, Mayas aus Guatemala, erzählen bei ihrem Besuch in Augsburg von der Arbeit indianischer Organisationen. Im Juni bedrohen islamische Fundamentalisten in Bangladesch die Schriftstellerin Taslima Nasreen.

Alarm im Weltladen! Bei den Aktionsgruppen, die ihre Waren im Laden holen, brechen 20 % der Umsätze weg. Der Laden droht wegen deutlich gestiegener Pesonalkosten in die roten Zahlen zu rutschen. Auch das Gögginger Weltlädchen büßt Umsatz ein. Aktionsgruppenrabatte werden gekürzt und Pesonalkosten durch Stundenreduzierung gespart. Der lange Donnerstag wird eingeführt. Andere Läden in Bayem erleben zur Zeit Vergleichbares. Die Gründe dafür sind zum Teil rätselhaft.

Die „Augsburger Plakatdebatte“ steigt in Wahlkampfzeiten, organisiert vom Verein und „Tür an Tür“. Menschenrechte, Entwicklungspolitik, Ristungsexporte und Ausländerrechte werden zu Themen auf diesen vielen kleinen Wandzeitungen. Die Plakatdebatte ist eine Gemeinschaftsaktion von etwa 40 Augsburger Gruppen und Organisationen.

Ab September packt Lisa Schmelz gemeinsam mit Renate Glas für die Aktionsgruppen. Das Angebot an CDs mit „Weltmusik“ wird in der Weißen Gasse kräftig aufgestockt. „café autentico“ der erste im Erzeugerland, hier Costa Rica, geröstete und verpackte Kaffee kommt über die Weltläden auf den deutschen Markt.

Der Verein „Partnerschaft Dritte Welt“ benennt sich um in „Werkstatt Solidarische Welt“. Im September erkennen sich Israel und die PLO gegenseitig an. Weil die Weltladenleute vom Augsburger Projekteforum, die sich um die Prüfung von Produkten und Projekten bemühen, zu wenig Infos von einigen alternativen Importeuren kriegen, schreiben sie zwecks Erfahrungsaustausch an alle bayerischen Weltläden. Die Reaktion ist umwerfend. Ein Importeur, EI Puente, sieht sich unlauterer Kritik ausgesetzt und kündigt gerichtliche Schritte gegen uns an. Ravensburg gelobt Besserung. Läden unterstützen zum Teil unsere Kritik, zum anderen widersprechen ihre Erfahrungen den unseren. Es soll ein Gespräch mit allen im folgenden Frühjahr geben.

Die Afrikanische Woche präsentierte z.B. Habib Tengour, Ruth Weiss und die Musik der „weißen“ Augsburgafrikaner von „Balandugu“. Infoangebote gab’s über’s Jahr zu Mexiko, Textilien, Zucker, Kinderarbeit, Tee, Ruanda und Guatemala.

Der Augsburger Kurde Fariz Simsek soll abgeschoben werden. Das Weihnachtsgeschäft reißt den Laden wieder raus. Umsatz ganz knapp über 700.000 DM.

1995

Miriam Falkenberg ist Frühlingspraktikantin beim Verein Partnerschaft Dritte Welt. Augsburgs erster „SoliÖkoPaxFasching“ rauscht in Zusammenarbeit mit dem AK Brasilien. In Babenhausen diskutieren nach dem Augsburger Weltladen/El Puente-Streit Importorganisationen mit vielen Vertretem bayerischer Läden über die Qualität der jeweiligen Infoarbeit zu Produkten und Projekten.

Der Verein Partnerschaft Dritte Welt heißt ab 1.April auch amtlicherseits „Werkstatt Solidatische Welt e.V.“. Die Werkstatt bietet ein Info-Abo für entwicklungspolitisch interessierte Augsburgerlnnen an. Das heißt Infos und Einladungen direkt per Post in den persönlichen Briefkasten. Die Zahl der Baustein-Spenderlnnen wächst erfreulich.

Die Zeitschrift „Tellerrand und Horizont“ kann ihre Schreiberlnnengruppe um eine Kinderredaktion erweitern. Am 13.4. steigt das zweite Augsburger Kirchenasyl: eine Familie assyrischer Christen sucht Schutz vor einer anstehenden Abschiebung in die Türkei. Sie findet „Asyl“ in der katholischen Gemeinde „Zum Guten Hirten“ im Univiertel. Die Augsburger Amtskirche geht auf Distanz.

Weltladen Augsburg und Werkstatt Solidarische Welt verpassen sich ein einheitliches Erscheinungsbild, das in allen Werbematerialien angewandt wird. Der Augsburger Kurde Fariz Simsek soll wiederholt abgeschoben werden. Was gottseidank nicht gelingt. Amnesty intermational protestiert mit einer weltweiten „urgent action“ – eine traurige bundesdeutsche Premiere – gegen die bayerische Abschiebepolitik, die Leben und Gesundheit des Folteropfers Simsek aufs Spiel setzt. Fariz Simsek taucht unter. Seine Frau Sahize und die Kinder Bilal und Leyla Simsck werden per Kirchenasyl vor der drohenden Abschiebung geschützt. Die Pfarrgemeinde St. Raphael in Steppach nimmt am 29. April Frau und Kinder auf. Das macht bundesweit Schlagzeilen. Der Bischof findet das Kirchenasyl nicht unterstützenswert. Viele Augsburger Kirchengemeinden solidarisieren sich mit diesem 3. Augsburger Kirchenasyl in Steppach. Die Werkstatt Solidarische Welt organisiert Solidaritätsanzeigen in der Lokalpresse.

Der Weltladen ist auf der Augsburger Frühjahrsmesse mit einem schmucken Stand vertreten. Der Stadtführer „Augsburger Kolonialgeschichten“ erscheint. Mitte Mai feiern der Weltladen Augsburg und die Werkstatt Solidarische Welt ihren Geburtstag. So zwischendrin.

Angelika Haselböck, Thomas Körner-Wilsdorf

Aus: Tellerrand und Horizont, Nr. 10 (1995)