Die "Santa Maria" als Nachbau beim Karneval der Welten 2009 auf dem Rathausplatz. im Hintergrund eine Karte von Gerhard Mercator aus dem Jahr 1569.

Rück- und Ausblick: (Post-)Kolonialismus

Interviewreihe zum 40. Geburtstag von Weltladen Augsburg und Werkstatt Solidarische Welt e.V. zum Thema (Post-)Kolonialismus mit Thomas Körner-Wilsdorf, 1991-1994 Bildungsreferent der Werkstatt Solidarische Welt e.V., Ethik- und  Kunstlehrer am Anna-Gymnasium und Philipp Bernhard, Geschichtslehrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte (Uni Augsburg), Mitglied bei Augsburg Postkolonial

Henriette Seydel, Werkstatt Solidarische Welt e.V.: Lieber Tommi, lieber Philipp,  ihr beide engagiert euch beruflich wie ehrenamtlich für eine Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte. Wie kam es dazu?

Philipp: Als ich noch als Geschichtslehrer gearbeitet habe, fiel mir in den Schulbüchern auf, dass die Deutsche Kolonialgeschichte lediglich am Rande vorkommt und auf die Vorgeschichte zum ersten Weltkrieg reduziert wird. Auch die Beschreibung von Christopher Kolumbus und seiner „Entdeckung“ Amerikas ist verkürzt und einseitig. Da hat sich mir die Frage gestellt, wie man das anders machen kann.

Tommi: Nach einem deutsch-polnischen Jugendaustausch nach meinem Abitur kam ich zur Weltladenbewegung in Augsburg, als der Laden noch ganz frisch in der Steingasse war. Dort hat es mir gut gefallen, denn man konnte praktisch mit anpacken und gleichzeitig utopisch denken für eine gerechte Welt, in der es für alle reicht. 1991 bis 1994 war ich dann hauptamtlicher Bildungsreferent des Vereins Partnerschaft mit der Dritten Welt, wie er damals noch hieß. In den 1990er Jahren waren vor allem folgende Themen aktuell: Entwicklungshilfe, Flucht und Asyl sowie 500 Jahre „Eroberung“ Amerikas. Letzteres hat erstmal, entschuldige den saloppen Ausdruck, keine Sau interessiert. Weil aber der Tourismusförderverein für diese „Feierlichkeiten“ die Fugger und Welser in den Fokus stellen wollte, wussten wir, da muss was passieren.

Welche Rolle spielte die Werkstatt Solidarische Welt 1992 bei der Feier 500 Jahre Eroberung Amerikas?

Tommi: Mit Udo Legner und seinem Arbeitskreis Dritte Welt am Maria-Theresia-Gymnasium, bauten wir das Schiff Santa Maria, mit dem Christopher Kolumbus seine Expedition antrat, im Maßstab 1:8 nach und machten mit dem großen Modellschiff auf das Thema aufmerksam. Im Rathaus gab es eine Ausstellung über die Fugger und Welser, die nicht sehr kritisch war und die Rolle der amerikanischen Ureinwohner*innen außen vorließ. Unsere Texttafel dort wurde neben der „Santa Maria II“ aus „technischen Gründen“ nicht ausgestellt. Wir hatten dafür brasilianische Indianer*innen um ein Statement gebeten. Dieses Statement und weitere kritische Texte verteilten wir dann eben als Flugblätter im Goldenen Saal. Der Bürgermeister Peter Menacher und die Bildungsreferentin waren not amused.

Wie wird heutzutage mit dem kolonialen Erbe Augsburgs umgegangen?

Philipp: Die deutsche Kolonialgeschichte beginnt gewissermaßen in Augsburg. Während die Fugger vor allem durch finanzielle Investitionen indirekt von der beginnenden europäischen Expansion und auch vom Versklavungshandel profitiert haben, haben die Welser Venezuela kolonisiert und waren die ersten deutschen Sklavenhändler. Das ist allerdings im öffentlichen Bewusstsein nicht präsent, vielmehr schreiben die Stadt und das Tourismusbüro Regio Augsburg eine einseitige, glorifizierende Darstellung der Fugger und Welser fort. Ich wünsche mir eine differenzierte Auseinandersetzung, die auch mal die Kehrseite der Erfolgsgeschichten der Fugger und Welser erzählt. Auch was weitere postkoloniale Debatten der letzten Jahre angeht, gibt es in vielen Teilen der Stadtgesellschaft wenig Vorwissen und Problembewusstsein.

Wie engagiert ihr euch für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Augsburgs kolonialem Erbe?

Tommi: Die Werkstatt Solidarische Welt hat sich in den 1990er Jahren auch dafür eingesetzt, dass die Gedenktafel in der Annastraße, deren Inschrift Bartholomäus Welser als Kolonisator ehrt, wegkommt oder zumindest kontextualisiert wird. Deswegen haben wir eine Styroportafel dazu gehängt, die der Opfer der Vernichtung gedenkt. Die Politik hatte unsere Aktionen zwar zur Kenntnis genommen, aber das ganze Thema hat sich verlaufen. Ich glaube aber nach wie vor, dass eine Ergänzung oder eine Erläuterung nötig wären.

Philipp: Die Welserplakette ist eine Station von vielen bei unserem postkolonialen Stadtrundgang. Weitere Themen  sind beispielsweise das 3M*-Hotel, das African Village im Augsburger Zoo 2005 oder der Kolonial-laden. Für unsere Recherchen besuchten einige Mitglieder der Initiative Augsburg Postkolonial den kolonialen Stadtrundgang, der regelmäßig von der Werkstatt Solidarische Welt angeboten wird. Obwohl er seinen Fokus auf Konsum legt, und für uns die historische Ausrichtung wichtig war, inspirierte er uns sehr. Mein Kollege Claas Henschel und ich haben dann mit einigen anderen einen Rundgang entwickelt, der (post-) koloniale Spuren im Augsburger Stadtbild zeigt. Vor zwei Jahren konnten wir den ersten postkolonialen Stadtrundgang anbieten – im Rahmen der Afrikanischen Wochen! Er war gut besucht und das Feedback war positiv.

Welche weiteren (post-)kolonialen Themen sind in Augsburg wichtig?

Tommi: Zum Beispiel der Themenbereich Flucht und Asyl! In den 1990er Jahren organisierten wir das erste bayerische Kirchenasyl. Aus diesem Engagement heraus gründeten Aktivist*innen, darunter Matthias Schopf-Emrich und ich, den Verein Tür an Tür, der sich für soziale Integration, nichtdiskriminierende Unterbringung und die Stärkung der Rechte von zugewanderten Menschen einsetzt.

Philipp: Die fehlende Sensibilität in der Presseberichterstattung ist auch ein großes Thema. Nicht nur zum African Village 2005 oder 2013 zur Black-Facing-Wetten-Dass- Wette mit Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer, sondern jüngst auch über den Prozess der Umbenennung des 3M*-Hotels.

Was wünscht ihr euch, der Werkstatt und dem Weltladen für die Zukunft?

Philipp: Ich halte einen Wandelprozess in der entwicklungspolitischen Arbeit hinsichtlich einer Reflexion kolonialer Machtverhältnisse und globaler Ungleichheiten für essentiell. Akteur*innen des Südens sollten noch mehr solidarisch empowert werden. Diskurse um Rassismus, Klimawandel und Ökozid sollten noch stärker intersektional gedacht werden. Ansonsten sollten wir uns in Augsburg noch mehr dafür engagieren, was die Repräsentation verschiedener Bevölkerungsgruppen angeht sowie die Wurzeln von Rassismus bekämpfen.

Tommi: Wir müssen weiterhin Überlebensthemen von globalem Ausmaß ins Bewusstsein rücken! Wir müssen  Machtfragen stellen, das zeigt die Coronapandemie besonders: mit wem wird sich solidarisiert, wer bekommt staatliche Unterstützung und wer nicht. Mein Wunsch ist, es soll für alle gerecht und friedlich zugehen. Außerdem können gerne andere Kommunen von Augsburg lernen: das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen klappt gut. Beispielhaft zeigt sich das am Erfolg der Augsburger App Integreat. Sie wird inzwischen von jeder dritten deutschen Kommune genutzt und jüngst hat sogar Sydney Interesse angemeldet.

Philipp: Zum vierzigjährigen Geburtstag von Weltladen und Werkstatt Solidarische Welt e.V. kann ich nur gratulieren und sagen: Hut ab vor diesem langen Kampf und Einsatz.


Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself ist eine Initiative von engagierten Augsburger*innen, die sich dafür stark machen, postkolonial-kritische Blickwinkel einzunehmen. Besonders im Rahmen der Afrikanischen Wochen der Werkstatt Solidarische Welt arbeiten sie zusammen: 2019 waren das so schöne Veranstaltungen wie postkoloniale Stadtrundgänge, die Lesung von David Mayonga »Ein Neger darf nicht neben mir sitzen«, der Themenabend »Augsburg – Kamerun, 100 Jahre später« oder die Diskussion mit zwei Nama- und Hereroaktivistinnen über die Rolle von Frauen im Deutschen Genozid. Kontakt via Facebook: Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself, Email: augsburg.postkolonial@gmail.com oder Webseite: www.augsburgpostkolonial.wordpress.com.


Im Mai 1980 haben engagierte Menschen den Weltladen Augsburg und die Werkstatt Solidarische Welt gegründet. Das sollte eigentlich im Frühjahr gebührend gefeiert werden – und muss nun doch erst einmal warten. Damit der Gründungstag trotzdem nicht sang- und klanglos vorübergeht, füllen wir alle digitalen Kanäle mit Glückwünschen und Hintergrundinfos und feiern. Jeden zweiten Freitag gibt es ein Interview mit Freund*innen, Mitarbeiter*innen und Weggefährten zu einem Thema, das uns bewegt – damals wie heute.

erstellt am: 28.08.2020 von Henriette Seydel

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